Wiborada, die «Schweizer Prophetin»
Als «starke und unüberhörbare Stimme» in einer Zeit, da das Christentum nicht mehr selbstverständlich sei, bezeichnete Philippa Rath die heilige Wiborada von St.Gallen. Rath sprach kürzlich anlässlich der Wiborada-Rede in der St.Galler Stiftsbibliothek von Wiborada als «Schweizer Prophetin».
Die Benediktinerin und Feministin Philippa Rath ist für ihre klaren Ansagen bekannt. Doch bei der Wiborada-Rede am 07. Mai 2024 in der St.Galler Stiftsbibliothek überraschte sie die über 100 Zuhörenden mit der Aussage, dass analog zur Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen, die als «prophetissa teutonica» verehrt werde, Wiborada von St.Gallen eine «prophetissa helvetica», eine Prophetin für die Schweiz sei.
In ihrer Rede zeichnete sie das Bild einer starken, selbstständigen und selbstbewussten Frau, die sich durch Furchtlosigkeit, Klugheit und Weitsicht auszeichnete und damit prophetische Qualitäten habe. Denn, so Rath: «Propheten sind Menschen, die ansagen, was die Stunde geschlagen hat. Die die Zeichen der Zeit erkennen, statt dem Zeitgeist zu folgen, die ihre Mitmenschen aufklären, ermahnen und zur Umkehr rufen.»
Im 21. Jahrhundert hätten viele Menschen, auch engagierte Christ:innen, den Kontakt zu ihren Lebensquellen verloren. «Sie sind im wahrsten Sinne «abgeschnitten» vom Ursprung und Grund ihres Seins. Geradezu im luftleeren Raum schwebend, sind viele halt- und orientierungslos und immer verzweifelter auf der Suche nach dem Eigentlichen und Wesentlichen», konstatierte Rath.
«weniger ist mehr»
Auch wenn Wiboradas Lebensstil als freiwillig Eingeschlossene «bizarr» anmute, so lebe sie vor, «dass in der Reduktion eine ungeahnte Fülle zu finden sein kann, dass weniger mehr ist und dass es lohnenswert ist, sich auf das Experiment des radikal Anderslebens einzulassen». Denn: «In die eigene Zelle gehen, in das eigene Herz einkehren - und dortbleiben, ohne Fluchtversuche, ohne Ablenkungen, ohne Zerstreuungen aller Art», gehöre für Menschen heute zu den grössten Herausforderungen. Philippa Rath dazu: «Wie sehr sind wir doch davon geprägt, ständig neuen Reizen ausgesetzt zu sein, ständig unterwegs zu sein, ständig erreichbar zu sein, ständig neue Informationen abzurufen, unablässig zu kommunizieren und zu konsumieren». Wiborada zeige, dass weder Konsum noch Leistung, Erfolg oder Macht auf Dauer befriedigen können, sondern die Suche nach dem Ursprung des Seins.
«sorgsam umgehen mit dem Gut der Zeit»
Dass Wiboradas Inklusinnen-Zelle nicht in der Einsamkeit, sondern mitten in der Stadt, am Puls des Lebens, lag, sage viel aus über diese ungewöhnliche Frau, so Rath. Wiborada habe mit ihrem regelmässigen Rhythmus sowie dem immer wieder (aber nicht durchgängig) geöffneten Fenster und ihrer Verfügbarkeit die Menschen gelehrt, mit dem Gut der Zeit sorgsam umzugehen. Smartphone und Social Media können bei allem Segen, den diese modernen Kommunikationsmittel gebracht haben, «auch zum Tyrannen werden».
Doch erst aus dem Schweigen und Hören können gute Gespräche, Empathie und die Fähigkeit des Mitschwingens erwachsen, zeigte sich Philippa Rath überzeugt. «Wenn wir heute nach Wegen des Miteinanders von verschiedenen Kulturen und Religionen suchen (…) dann dürfen wir nicht vergessen, was Wiborada uns vorgelebt hat: dass eine Kultur des Redens und sich Verstehens ihren Urgrund hat im Hören und im Schweigen.»
«Schritt für Schritt Grenzen weiten»
Schliesslich begegne Wiborada in künstlerischen Darstellungen stets auf Augenhöhe mit männlichen Heiligen sowie mächtigen Männern. Als «starke, selbstständige und selbstbewusste Frau» verkörpere sie damit den Typus einer weiblichen Heiligen, an der sich Frauen bis heute orientieren können. «Gerade in einer Kirche, in der Frauen noch weithin zum Schweigen verurteilt sind und immer noch weit davon entfernt, gleichberechtigt Anteil an allen Ämtern und Diensten zu haben, macht sie Mut, die weibliche Stimme zu erheben und sich unverzagt für Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen»
Mit einem Hinweis auf Professor Gregor Emmenegger zeigte Philippa Rath, dass Wiborada auch priesterliche Funktionen zugewiesen wurden und sie möglicherweise alleine oder mit ihrem Bruder, einem Priester, Liturgien bzw. eine Eucharistiefeier abhielt. «Damit wurde sie zugleich zu einer Identifikationsfigur und Vorbildgestalt für all die Frauen heute, die sich nicht länger damit abfinden wollen, dass ihnen das Priesterinnen- und Diakoninnenamt weiter vorenthalten wird», so Philippa Rath. Insofern mache Wiborada von St.Gallen Mut, Schritt für Schritt Grenzen zu weiten «und Neues, auch Grenzüberschreitendes, zu wagen», immer im Wissen, «dass solches Tun auf Widerstand und Gegenwehr der Amtsträger stossen wird». Lesen Sie hier die gesamte Rede im Wortlaut.
In ihrer Rede zeichnete sie das Bild einer starken, selbstständigen und selbstbewussten Frau, die sich durch Furchtlosigkeit, Klugheit und Weitsicht auszeichnete und damit prophetische Qualitäten habe. Denn, so Rath: «Propheten sind Menschen, die ansagen, was die Stunde geschlagen hat. Die die Zeichen der Zeit erkennen, statt dem Zeitgeist zu folgen, die ihre Mitmenschen aufklären, ermahnen und zur Umkehr rufen.»
Im 21. Jahrhundert hätten viele Menschen, auch engagierte Christ:innen, den Kontakt zu ihren Lebensquellen verloren. «Sie sind im wahrsten Sinne «abgeschnitten» vom Ursprung und Grund ihres Seins. Geradezu im luftleeren Raum schwebend, sind viele halt- und orientierungslos und immer verzweifelter auf der Suche nach dem Eigentlichen und Wesentlichen», konstatierte Rath.
«weniger ist mehr»
Auch wenn Wiboradas Lebensstil als freiwillig Eingeschlossene «bizarr» anmute, so lebe sie vor, «dass in der Reduktion eine ungeahnte Fülle zu finden sein kann, dass weniger mehr ist und dass es lohnenswert ist, sich auf das Experiment des radikal Anderslebens einzulassen». Denn: «In die eigene Zelle gehen, in das eigene Herz einkehren - und dortbleiben, ohne Fluchtversuche, ohne Ablenkungen, ohne Zerstreuungen aller Art», gehöre für Menschen heute zu den grössten Herausforderungen. Philippa Rath dazu: «Wie sehr sind wir doch davon geprägt, ständig neuen Reizen ausgesetzt zu sein, ständig unterwegs zu sein, ständig erreichbar zu sein, ständig neue Informationen abzurufen, unablässig zu kommunizieren und zu konsumieren». Wiborada zeige, dass weder Konsum noch Leistung, Erfolg oder Macht auf Dauer befriedigen können, sondern die Suche nach dem Ursprung des Seins.
«sorgsam umgehen mit dem Gut der Zeit»
Dass Wiboradas Inklusinnen-Zelle nicht in der Einsamkeit, sondern mitten in der Stadt, am Puls des Lebens, lag, sage viel aus über diese ungewöhnliche Frau, so Rath. Wiborada habe mit ihrem regelmässigen Rhythmus sowie dem immer wieder (aber nicht durchgängig) geöffneten Fenster und ihrer Verfügbarkeit die Menschen gelehrt, mit dem Gut der Zeit sorgsam umzugehen. Smartphone und Social Media können bei allem Segen, den diese modernen Kommunikationsmittel gebracht haben, «auch zum Tyrannen werden».
Doch erst aus dem Schweigen und Hören können gute Gespräche, Empathie und die Fähigkeit des Mitschwingens erwachsen, zeigte sich Philippa Rath überzeugt. «Wenn wir heute nach Wegen des Miteinanders von verschiedenen Kulturen und Religionen suchen (…) dann dürfen wir nicht vergessen, was Wiborada uns vorgelebt hat: dass eine Kultur des Redens und sich Verstehens ihren Urgrund hat im Hören und im Schweigen.»
«Schritt für Schritt Grenzen weiten»
Schliesslich begegne Wiborada in künstlerischen Darstellungen stets auf Augenhöhe mit männlichen Heiligen sowie mächtigen Männern. Als «starke, selbstständige und selbstbewusste Frau» verkörpere sie damit den Typus einer weiblichen Heiligen, an der sich Frauen bis heute orientieren können. «Gerade in einer Kirche, in der Frauen noch weithin zum Schweigen verurteilt sind und immer noch weit davon entfernt, gleichberechtigt Anteil an allen Ämtern und Diensten zu haben, macht sie Mut, die weibliche Stimme zu erheben und sich unverzagt für Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen»
Mit einem Hinweis auf Professor Gregor Emmenegger zeigte Philippa Rath, dass Wiborada auch priesterliche Funktionen zugewiesen wurden und sie möglicherweise alleine oder mit ihrem Bruder, einem Priester, Liturgien bzw. eine Eucharistiefeier abhielt. «Damit wurde sie zugleich zu einer Identifikationsfigur und Vorbildgestalt für all die Frauen heute, die sich nicht länger damit abfinden wollen, dass ihnen das Priesterinnen- und Diakoninnenamt weiter vorenthalten wird», so Philippa Rath. Insofern mache Wiborada von St.Gallen Mut, Schritt für Schritt Grenzen zu weiten «und Neues, auch Grenzüberschreitendes, zu wagen», immer im Wissen, «dass solches Tun auf Widerstand und Gegenwehr der Amtsträger stossen wird». Lesen Sie hier die gesamte Rede im Wortlaut.

Mehr als 100 Gäste lauschen gespannt der Wiborada-Rede von Sr.Philippa Rath. Foto: Elke Larcher

Sr. Philippa Rath hält die Wiboradarede 2024 in der St.Galler Stiftsbibliothek. Foto: Elke Larcher

Stiftsbibliothekar Cornel Dora begrüsst die Anwesenden und eröffnet den Abend. Foto: Elke Larcher

Sr.Philippa Rath trägt sich nach der Wiborada-Rede ins Gästebuch der Stiftsbibliothek St.Gallen ein. Foto: Elke Larcher